Hallo Christian,
mit deiner Frage bringst du mich erneut in eine Zwickmühle, die ich vor kurzem noch in privater Runde durchleben musste.
Warum gehst du nicht in die Politik?
Politik besteht aus Parteien, Parteien sind Systeme, die ihre eigenen Abläufe und Strukturen hat. Man fängt klein an, findet einen Gönner und kommt groß raus. Was aber, wenn man die Politik so radikal ändern möchte, dass es keinen Gönner gibt?
Muss ich in das System, um das System zu beeinflussen? Kann ich nicht von außen soviel Wirkung und Druck zeigen, dass sich das System an den Kopf fassen muss? Kann man, durch Aufklärung des Volkes, nicht den Parteien zeigen, wo der Hase lang läuft? Wenn ich in das System eintauche, werde ich durch das System nicht so geformt, dass ich am Ende eine derjenigen bin, gegen die ich anfangs kämpfen möchte?
Ich möchte dich hier auf die Vita des Joschka Fischer aufmerksam machen. Schule abgebrochen, Lehre abgebrochen, Nebenjobs, linke Ausrichtung, Studentenbewegung und Außerparlamentarische Opposition, Gewalt, Die Grünen, Landtage, Bundestag, Vereidigung in Turnschuhen und schließlich von Friedensbewegungen beschimpft als Kriegsverbrecher (ich möchte hier anmerken, dass das Oberverwaltungsgericht Berlin entschieden hat, dass diese Bezeichnung rechtswidrig ist). Wurde er nicht auch durch das System wie das System?
Wenn ich anfange, mich an Systeme und alte Strukturen anzupassen, werde ich dann nicht das, wogegen ich kämpfen will? Ich möchte dir hier den Film “Mr. Deeds” empfehlen. Kennst du die Passage am Ende, wo Deeds die Aktionäre fragt, was sie als Kind werden wollten? Einer der Aktionäre wollte Tierarzt werden, ist mittlerweile aber Besitzer einer großen Kette von Schlachthöfen.
Ich werde kein Metzger!
Zu deiner letzten Frage: Dieses Jahr wirds wohl grün. Schönes Wochenende!
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20. Mai 2009 um 11:59
@Christian: Zum Thema “Wandel des Joschka”: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,625827,00.html
03. Juni 2009 um 01:06
Hallo Sabine!
Wir hatten diese Diskussion auch am Küchentisch geführt, falls du dich erinnerst?!!
Aber ich glaube noch immer, dass dies der falsche Weg wäre, es “die Anderen” machen zu lassen, weil man nicht werden will “wie die”.
Du würdest das was du “hasst” selbst machen, indem du die “Wegguckkultur” förderst.
Natürlich ist es schwierig gegen den “Strom” zu schwimmen und es behauptet auch keiner, das es leicht wäre oder das du dort deine Meinungen und Äußerungen veränderst und sie rationalisierst und damit überhaupt realpolitisch durchsetzten kannst.
Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom!
Ferner könnte man deine Äußerungen so interpretieren, dass sie zur reaktionären Bewegung aufruft, weil, wie du sagst, es keine Option für Veränderungen gibt, weil, die meiner Meinung nach dekadente Diktatur der “Demokraten”, die Transformation der Gesellschaft, aber auch des Staates verhindert.
Radikal ändern? Was verstehst du darunter? Die Meisten denken jetzt an Gewalt, wobei ich mit dieser Vorstellungen am ehesten sympathisiere, aber was verstehst du unter diesem Begriff?
Dies unter Ausschöpfung aller “demokratischen” Mittel zu tun? Oder diese Utopien verfolgen?
Letzendlich spielt es auch keine Rolle, was du “meinst”, denn erst wenn du dich dazu entschlossen hast, JETZT was zu ändern, dann MUSST du in die Politik gehen und versuchen das System zu “entsystematisieren”.
lg Jan
03. Juni 2009 um 02:45
Hallo Jan,
ja natürlich erinnere mich an unsere Diskussion.
Zuerst: Ich verabscheue Gewalt! Zumal ich keinen dieser Menschen in politischen Führungsebenen je anfassen wollen würde… Da kommt so ein Würgereiz, wie wenn ich das Erbrochene meines Hundes aufwischen muss
Wie radikal meinst du denn, müsse unsere Politik geändert werden? Ich verstehe unter radikaler Veränderung den Appell an den gesunden Menschenverstand, das Abbauen dieses extremen Kontrollwahns, mehr Transparenz in der Politik und mehr Verstehen und Verständnis für die Politik.
Wenn du alle Staatsformen betrachtest, ist die Demokratie die Beste der Schlechten. Aber ich appelliere an die Demokratie in ihren Grundformen. Nicht dieses korruptionsverseuchte, lobbyisten-durchflutete, hinter verschlossenen Türen gemauschelte Irgendwas, was die derzeitig gewählten “Volksvertreter” praktizieren.
Sollte das Volk mehr von Politik verstehen können, würden diese Damen und Herren mehr Widerstände erleben und mitbekommen. Die politischen Diskussionen müssen weg von – nicht mehr verrauchten, weil mittlerweile verboten – Stammtischen, wo alte Männer ein bisschen schimpfen. Nein, die Jugend muss verstehen, worum es in Politik geht, um sich auf das vorzubereiten und die Politik nach ihren Vorstellungen zu formen.
Meine Frage, die ich gestellt habe und mit dem Beispiel Fischer untermauert habe, hast auch du mir nicht beantwortet. Werde ich nicht, wenn ich innerhalb des Systems etwas ändern möchte, durch das System wie das System?
Gibt es keine Möglichkeiten, von außen Einfluss auf das System zu nehmen?
Liebe Grüße
Sabine
03. Juni 2009 um 20:28
Hallo Sabine!
Nun, ich bin der Ansicht, dass es einen Machtaustausch, zwischen den Altparteien und “Junparteien” geben sollte, denn die Altparteien versuchen seit 60 Jahren, die alten (falschen) Wege gnadenlos weiterzugehen.
In den letzen zwei Jahren, während der “Hochkonjunktur” wurden wichtige Reformen nciht durchgeführt. Finanzreform, Rentenreform, Föderalismusreform etc.
Dies hat die “große” Koalition einfach verpasst. Es muss ein neues Programm her, eines das die Probleme unserer Zeit behandelt und nicht durch die Geschichte, mit Scheuklappen rennt.
Die Altparteien sind im Lobbyismus und der Bürokratie versunken. Schnelle Entscheidungen werden durch bürokratische Prozesse, Korruption und Lobbyisten be- und verhindert.
Nun, meine frage ist dann an dich: Wie willst du die Jugend dazu bewegen, sich mehr für Poltik zu interessieren?
“Es beträffe sie ja nciht” oder “was könne ich schon tun”, sind, wie wir beide wissen, die typischen Aussagen; nicht nur von Jugendlichen.
Willst du “mehr” Demokratie, also nicht nur basisdemokratische Abstimmungen, so wie jetzt, oder möchtest du die Bürger mehr an politischen Entscheidungen teilhaben lassen, z.B Wahl des Bundespräsidenten, um die “Politikverdrossenheit” zu mindern.
Einführung von Volksentscheid und Volkswillen?
Aber wie soll man das Ziel erreichen, wenn der Unterschicht, der Zugang zu “Mehr”-Bildung nicht zugänglich ist oder sie solche nicht durch das Elternhaus erfahren?
Heute z.B hat mich FORSA angerufen, ob ich nicht an einer Umfrage teilnehmen möchte. Das fing an mit Fernsehesendern etc., aber dann kamen endlich politische Themen.
Er fragte mich, wer in welcher Partei ist und was für ein Amt er inne habe.
Zu hören bekam ich während des Gespräches, dass er total erstaunt sei, dass ich diese Leute alle kenne und da fragte ich mich, ob Deutschland wirklich schon so tief abgerutscht ist?
Was das der Durchschnittsbürger nicht mehr?
Dann darf ich doch zurecht fragen, ob es die Leute nciht selbst schuld sind, dass die “Demokratie” hier in Deutschland, so ist, wie sie ist und das alle rumnörgeln, obwohl es in ihrer Hand liegt.
Denn: “Es machen ja die anderen, nicht ich.”
Außerhalb des Systems wirst du nichts ändern können, weil sich die Gesellschaft zu bedroht vorkommt, deshalb sind “radikale” Änderungen auch nciht möglich, weil die Gesellschaft dafür nicht bereit ist.
Sie veraharren in ihrem Trott und folgen ihren “Volksvertretern”, die sich obendrein “Demokraten” in einem undemokratischen Land nennen.
Du musst das System, wenn überhaupt, von innen “infiltrieren” und es transformieren, aber meine Frage hast du auch noch nicht beantwortet:
Was verstehst du unter “radikal”? Und wohin möchtest du das System verändern?
lg Jan
03. Juni 2009 um 21:04
Hallo Jan,
ich habe dir geantwortet. Zitat: “Wie radikal meinst du denn, müsse unsere Politik geändert werden? Ich verstehe unter radikaler Veränderung den Appell an den gesunden Menschenverstand, das Abbauen dieses extremen Kontrollwahns, mehr Transparenz in der Politik und mehr Verstehen und Verständnis für die Politik.”
Wie bekommt man die Jugend dahin, dass sie die Politverdrossenheit hinter sich lässt? In dem man selbst anfängt! So wie wir hier diskutieren, muss auch in Schulen, in Jugendzentren, wo man sich eben trifft, diskutiert werden. Wenn ein Mensch anfängt, politische Themen zu besprechen, darauf hinzuweisen und zu erklären, könnte sich eine Welle losschlagen.
Natürlich kann man nicht alle erreichen. Das war schon immer so. Es gibt eben auch Menschen, die dann einfach den Kopf zumachen. Man muss die Politik dahin bringen, wo die Menschen sind. Wo bewegen sich Jugendliche sehr viel? Klar, Discos, Bars, da ist diskutieren schwierig, aber sieh das Internet. Es muss mehr politische Diskussion im Internet geben. Wenn dazu noch die Erklärungen kommen, warum was wie läuft, kann man gegen das Unwissen und die Politverdrossenheit angehen.
Was glaubst du, warum ich das hier eigentlich mache?
Volksentscheide sind auch in der Schweiz bewährt, haben gute und schlechte Seiten. Ich glaube nicht, dass das deutsche Volk dazu geeignet, geschweige denn daran interessiert, wäre sofort hier und jetzt Volksentscheide abzugeben. Dazu muss erst die politische Bildung und das Interesse mehr gefördert werden. Die Politik hat solang dabei zugesehen (und wie ich glaube mitgewirkt), dass der normale Bürger nichts mehr versteht, dass nun kaum noch Menschen dazu in der Lage sind, alles zu überblicken.
Die Jungparteien werden irgendwann übernehmen, die “Internet-Freaks” von heute sind die Entscheider von morgen. Das braucht bloß Zeit. Aber das Volk muss wissen, was da heute abgeht und was dadurch morgen auf es zukommen wird. Und das geht nur durch Aufklärung.
Liebe Grüße
Sabine
03. Juni 2009 um 21:48
Hallo Sabine!
Entschuldigung, deine Antwort habe ich irgendwie verlesen.
Ok, ich akzeptiere alle deine Standpunkte und nun, mal rein hypotetisch, wenn du in ein paar Monaten zur Bundestagswahl antreten wolltest, würdest du dir zutrauen oder vielmehr die Arbeit machen, einen wirklichen konkreten “Regierungsplan” zum Thema “Jugend goes Politik” zu verfassen und mir ein realpolitisches Werk zu präsentieren?
Das klingt zwar jetzt als schlechter Scherz, aber ich meine es ernst. Mit deinen Ideen stimme ich größtenteils überein z.B Transparenz etc.
Aber für mich ist das nur so “an der Oberfläche angekratzt” , was wir natürlich als mehr oder weniger Laien machen und uns unsere Vorstellungen kreieren, aber das Ganze mal wirklich ausformuliert mit konkreten Plänen.
Nicht nur: Ja, in der Schule mehr “aktuelle Themen durchnehmen” usw. oder Aktionstage.
Ich hoffe, dass ich mich klar genug artikuliert habe, ist schon was spät. *lach*
Auf einen punkt hast du mir nicht geantwortet: Sind es die Bürger im Großen und Ganzen nicht selbst schuld, dass ihr System ist, os wie es ist, unabhängig davon, ob die Politik dahingehend mitgewirkt hat oder nicht?
Kann man dem Bürger jedwede Verantwortung vor Gott, der Gesellschaft und für sich absprechen, nur weil sein politisches Bewusstsein nie wirklich erwacht ist?
05. Juni 2009 um 18:21
Hallo Jan,
obwohl wir bereits zwischenzeitlich diese Diskussion beendet haben, möchte ich dem Leser meine Antwort nicht schuldig bleiben.
Nein, ich würde es mir nicht zutrauen, ein solches realpolitisches Papier aufzusetzen. Für solche Dinge braucht es mehr als einen allein, um sie fertig zu bringen. Ein paar-Mann-starkes Team bräuchte ich da schon.
Und: Jeder Mensch wird geboren und muss lernen, Anfangs lernt er durch Eltern, dann Kindergarten und Schule. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt ist jeder Mensch für sich selbst verantwortlich, also auch für die Bildung und politisches Wissen. Niemand kann er mir erklären, er sei dumm, weil er aus einem bestimmten Elternhaus käme. Die Informationen liegen überall im Netz, gerade unsere Jugendlichen wissen, wie sie drankommen. Allein der Wille, sich zu informieren, muss vom Jugendlichen selbst kommen.
Liebe Grüße