Heute war ein recht durchwachsener Tag. Nicht nur, dass ich um halb 8 aus dem Bett durchs Fenster auf eine plüschige, dicke Wolkendecke starrte. Nein, gegen 9, nach dem ersten Rumdrehen also, strahlte mich blauer Himmel an. Erst recht ein Grund, die Decke nochmal über den Kopf zu ziehen. Als ich mich gegen 2 Uhr und nach mindestens 3 Wetterumschwüngen mit Kopfschmerzen aus dem Bett quälte, war der Tag schon gelaufen.
Kurz nach den Nachrichten geguckt… Da war nun auch nichts was mich groß verwunderte. Ziemlich glückwunschlos, dieser Dienstag. Gut, ich musste Geld für meine Mum auf die Bank bringen. Dazu hatte ich mich um halb 4, nach dem ersten Kaffee, tatsächlich durchgerungen. 50 Cent für die Stadtkasse, um Parken zu dürfen… Dann ab in die Post. Mein erster menschlicher Kontakt geschah dann gegen viertel vor 4. Die Frau in der Post war auch sehr nett, wahrscheinlich, weil ich Geld eingezahlt statt abgehoben habe.
Dann machte ich einen bösen Fehler. Ich hielt an einer meiner Lieblingstankstellen an. Und der Chef war auch noch da. Wir haben uns dann verquatscht. Über das Wetter, das Bloggen, meinen Freund, die Politik, Autos (es stand ein niegelnagelneuer Passat Coupe vor der Tür… 299 PS, wie der Besitzer beim Zahlen leise, aber mit einem stolzen Zwinkern verkündete). Darüber kamen wir auf die Abwrackprämie, er hatte wegen eines Motorplatzers seine A-Klasse abgewrackt und einen Golf 6 gekauft. Mit Prämie, Prämie von VW und Prämie des Händlers spart er so 6.000 Euro. Der Steuerzahler badet es aus. Und Fahranfänger, Gebrauchtwagenhändler und und und… Wen das Thema interessiert, sollte sich ja hier einen Überblick verschaffen können. So kamen wir über große Autos und bezahlte Autos (da kam dann mein Süßer ins Spiel) zu russischen Milliardären und der Geld-Spirale. Wer kein Geld hat, will Geld, wer Geld hat, will mehr Geld und so weiter.
Irgendwann, als wir über die Regierung schimpften, die jahrelangen Fehler, die begangen wurden und was man in einem solchen Gespräch, unterbrochen von Kunden, die herein- und wieder hinausspazierten, eben alles anprangert, kamen wir auf die Grünen. Ich erzählte ihm von Meyer-Wellmanns Google-Analyse der Grünen und der überraschenden Einsicht, dass tatsächlich niemand so richtig was gegen die Grünen hat. Als er darüber nachdachte und ihm bewusst wurde, dass er wirklich niemanden kennt, der die Grünen doof findet, musste er lachen. Wie googelig. Wir verglichen den Medien-Kanzler Schröder mit der Medien-Kanzlerin Merkel, die in dieser Hinsicht einiges gemeinsam haben.
Dann ging es über die Pauli-Partei zur Piratenpartei… Ihrer Geschichte, ihrem Programm. Der Tankstellenbesitzer kam aus dem Lachen manchmal nicht raus. Er dachte, diese Piratengeschichte sei ein Scherz. Irrtum – dank dem abtrünnigen Tauss sitzen die sogar im Bundestag. Und in der EU. Aber das Thema hatte ich ja auch schon… Wir philosophierten so vor uns hin, rauchten eine Zigarette im Zimmer nebenan (zum Glück deutet ein Piepsen darauf hin, dass Kunden tanken und evtl. bedient werden wollen) und ließen das Leben mal Leben sein. Das ist übrigens sehr angenehm im Umgang mit Südländern. Die haben auch mal zwei Stunden Zeit. Unterbrochen wurde unser Gespräch nur durch einen Vollspacken, der unbedingt meinte, sich in unsere politische Diskussion einmischen zu müssen, obwohl er keine Ahnung hat. Aber solche Typen gibts ja immer…
Anderthalb Stunden später bin ich dann doch mal nach Hause gefahren. Ich musste Wäsche aufhängen, die ich vor Abfahrt in die Maschine geschmissen hatte, und Bügelwäsche wartete auch noch. Die Bügelwäsche habe ich Bügelwäsche sein lassen… Die nassen Klamotten mussten ja nun in die schwühl-warme Hitze. Wieder ab an den PC, die Nachrichten sahen immernoch so aus wie heute Mittag. Deprimierend. Überhaupt habe ich den ganzen Tag kaum einen Drang gehabt, die Google-News, die Fernsehnachrichten oder irgendwas in der Richtung anzusehen. Ich hatte keinen politverdrossenen, sondern einen komplett verdrossenen Tag…
Außerhalb des Gesprächs mit dem Tankstellenbesitzer huschte nur ein Lächeln über mein Gesicht, wenn aus meinem Autoradio “Take me away” von den 4 Strings dröhnte. Möglichst laut und möglichst bei freier Fahrt durch unsere Felder. Und selbst dann kotzte es mich an, dass diese ganze ach so schöne Landschaft vom Menschen geschaffen und dominiert war. Nirgendwo ein Fleckchen, das noch keine Menschenhand gesehen hat… Überall Menschen, überall Politik…
Selbst das Wetter schien mir heute politisch zu sein. Wolkenverhangen, das man die Sonne nicht sehen konnte, aber trotzdem so eine schwühle Hitze, wie sie in einem lang benutzten Nest herrschen muss. Kümmert euch nicht um uns, es ist doch schön, wir machen das schon, achtet nicht auf uns. Genau das schien das Wetter sagen zu wollen. Sommerpause. Die Zeit, in der Politiker kaum was tun außer ekelhaften Wahlkampf für unsere Superwahl zu machen. Wahl. Ich kann das Wort schon nicht mehr hören. Autos abwracken, als Wahlgeschenk. Opel retten, als Wahlgeschenk, aber nur, wenn Magna Opel bekommt. Aber am schlimmsten sind nicht Wahlgeschenke, sondern Wahlversprechen. Es wird keine Steuererhöhungen geben… Ach? Wer glaubt das? Wer zum Henker glaubt das? Das Wetter! Ich schwöre!
Jetzt gerade, wo ich das schreibe, regnet es draußen, es regnet nicht nur, es blitzt und donnert… Als sei das Wetter böse auf mich, dass ich die politische Schwühle verdränge, trotz der Hitze, die meinen Kreislauf ausknockt, noch über Politik nachdenke. Über den Mist, der da oben verzapft wird, als ob dieser Mist aus meinem Gehirn rausgeregnet werden soll. Und wenns nicht klappt, wird die Drohkulisse Blitz und Donner aufgefahren. Auf dass ich Angst bekomme, an einem elektrischen Gerät zu sitzen und meine Gedanken hinauszubrüllen. Meine Gedanken mit den Fingern so lange aufschreibe, bis meine Fingerkuppen taub werden und ich nur noch aus Glück die richtigen Tasten treffe… Das Wetter ist politisch!
Take me away, million miles away from here. Take me away. Find a place for you and me. You’he taken me higher, high as I could be. Take me away, forever you and me. Take me away!
Nimm mich mit, Millionen Meilen weg von hier. Nimm mich mit. Finde einen Platz für dich und mich. Du hast mich mit höher genommen, so hoch wie ich sein könnte. Nimm mich mit, für immer du und ich. Nimm mich mit!
Ich will einfach weg. Nicht in irgendein Land, in dem es wieder Politik und Menschen gibt, ich will weg. Ganz weg. Ich bin antriebslos, kennt ihr das? Ob ich aufstehe oder nicht, ob ich was trinke oder nicht, ob ich etwas schreibe oder nicht, im Moment ist es egal. Vielleicht liegts am politischen Wetter. (Es blitzt übrigens wieder). Gibt es einen Flecken auf der Erde, wo es keine Menschen gibt? Vielleicht auf Bermeja, aber das auch nur, weil es die Insel nicht gibt. Ein Fake, ein Fake von Menschen…
Ich glaube an das Gute im Menschen. Ich bin naiv, werden viele sagen, und es stimmt. Ich bewahre mir ein kleines bisschen Naivität einfach. Wie eine kleine Spieluhr, die ich in meinem Inneren herumtrage und ab und zu aufziehe. Ich weiß, dass diese Spieluhr zu 99% in meinem Leben weder einen Platz braucht noch haben darf, dafür bewege ich mich oft auf viel zu nicht-naivem Gelände, aber an und zu hole ich sie heraus und lasse sie spielen. In dieser Spieluhr bewahre ich meine Naivität, meine Fantasie und meine Kindheit auf. Und manchmal dürfen alle zusammen raus und spielen. Zu den Klängen meiner Naivität tobt sich dann meine Kindheit in meiner Fantasie aus. Dann sitze ich irgendwo auf einer Wiese, die noch kein Mensch gesehen oder berührt hat, und frage mich, wie die Welt aussehen würde ohne diese achso menschlichen Fehltritte wie Gier, Neid und Hass. Der Wille, Macht und Ruhm zu besitzen, nicht auf andere zu achten, um selbst als besserer, berühmterer, reicherer oder beneideter Mensch dazustehen.
Als ich heute Wäsche aufhing, hatte ich plötzlich einen Ohrwurm. Nicht Take me away, kein Sommerhit, nein… Einigkeit und Recht und Freiheit… diese Worte gingen mir durch den Kopf. Und ich schwöre, wenn meine Nachbarn im Garten waren und mich hörten, dachten sie entweder, ich sei durchgedreht, oder ich sei zum Rechtsradikalen mutiert. Ich habe unsere Hymne gesungen. Dann die Europas. Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt. Hat die EU bereits etwas verbunden? Wo bleiben die Flügel, die die Menschen zu Brüdern macht?
Wie viele Deutsche kennen eigentlich die deutsche und die europäische Hymne wirklich? Wie viele könnten sie auf der Straße auch nur anstimmen? Wird Kindern unsere Hymne beigebracht? Bin ich Nazi, weil ich unsere Hymne schön finde? Weil ich sie nachmittags beim Wäsche aufhängen vor mich hinsumme? Darf ich mein Land lieben? Trotz der Menschen, die es regieren, trotz der Fehler, die begangen wurden und begangen werden? Muss ich mein Land nicht lieben? Ich will mein Land lieben, ich liebe mein Land. So selbstverständlich, wie ich meinen Freund liebe und genauso vorsichtig, wie ich ihn liebe, weil ich Angst habe, alles könnte vor meinen Füßen in tausend Scherben zersplittern. Kann unser Land noch zersplittern? Sehe ich nicht längst die Risse, die von der Politik in unseren Rechtsstaat, in unseren Sozialstaat, in unser ach so herrliches Land gesprengt wurden?
Meine Finger sind taub. Ich denke auch, es reicht dieser viel zu lange Einblick in meine heutigen Gedanken, die bestimmt vom politischen Wetter beeinflusst und von viel zu vielen Menschen und deren Taten bewegt wurden. Der Regen hat aufgehört. Schön, dann brauche ich morgen den Garten nicht zu gießen. Wie schön es doch ist, sich mal fallen zu lassen. Aber ebenso schön ist es, wieder in die Realität zurückzukehren und sich um die kleinen, subjektiven Wichtigkeiten des eigenen Lebens fallen zu lassen. Morgen werde ich ein paar Stunden mit zwei Hunden geplagt sein. Das ist anstrengend. Ich wünsche euch allen eine gute Nacht.
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