Glückwunsch-Blog

Willkommen in der Realität!

Schubladen und ihre Schränke


Sonntag, 20. September 2009 von Sabine

Seit einigen Tagen ist eine bestimmte Statistik mal wieder lebenserfüllend: Grundschullehrer stecken unsere Kinder in Schubladen! Und das nur aufgrund der Vornamen!

Da ich versuche, meinen Lesern die Relevanz und die Treffsicherheit solcher Statistiken begreiflich zu machen (siehe auch Traue keiner Statistik oder Statistisch denken lernen), hier mal ein paar nähere Fakten zur Onlinebefragung Vornamensstudie aus 2009:

1. Die Studie zielt genau darauf ab, das Ergebnis zu bekommen, das kam. Bereits in der “Problemstellung” wird der “Kevinismus” angesprochen. Ebenfalls lässt die Autorin in der Einführungsphase den Namen Kevin schlecht und Charlotte gut aussehen. Wie werden da wohl die Fragen ausgesehen haben?

2. So repräsentativ ist die Umfrage gar nicht. “Bei dem gewählten Verfahren der Online-Befragung muss berücksichtigt werden, dass nur die Grundschullehrpersonen befragt werden können, die einen Internetzugang haben und auf die Homepage der Online-Befragung zugreifen können. Überdies hatten nur die Grundschullehrerinnen und -lehrer die Möglichkeit der Teilnahme an der Befragung, die auf den Online-Fragebogen in Internetforen, auf Homepages oder eine E-Mail aufmerksam gemacht wurden. An dieser Stelle ist anzumerken, dass ein Nachteil der internetbasierten Erhebungsmethode die ungleiche Verbreitung der Internetnutzung ist, sodass keine allgemein repräsentative Stichprobe erreicht werden kann.” Tschuldigung, warum regen sich dann alle so auf?

3. Die Aufteilung der Befragten in Altersgruppen ist extrem auffällig. 64,4 Prozent sind unter 34 Jahre alt. Diese Lehrkräfte/angehenden Lehrkräfte sind also das Publikum heutiger Comedians, die die genannten Namen gern in ihren Programmen aufnehmen. Wenn über Problemkinder berichtet wird, sind es immer die Kevins, Chantals oder Mandys – und deren Eltern. Hier selektieren also nicht nur Lehrer, und vielleicht, und das ist das Schlimmste, die Lehrer nicht einmal aus eigenen Erfahrungen heraus.

Auffällig ist auch, dass 61,8 Prozent der Befragten 0 bis 10 Jahre im Schuldienst tätig sind. Kann man in max. 10 Jahren tatsächlich aus Erfahrungen heraus ableiten, welche Kinder leistungsschwach sind? Wieso wurden die Fragen nicht nach Alter ausgewertet, a la “10 Prozent der 20-34 Jährigen meinen:…”? Käme da vielleicht heraus, dass erfahrene Lehrer nicht so vorurteilsbehangen sind?

Auffällig ist auch die Verteilung nach Bundesländern. Erster, grober Fehler: “Betrachtet man die Untersuchungsstichprobe in Hinsicht auf Bundesländer, lassen sich 207 Personen keinem Bundesland zuordnen. Diese Tatsache lässt sich dadurch erklären, dass die Frage nach dem Bundesland erst am dritten Tag der Fragebogen- Erhebung dem Online-Fragebogen hinzugefügt worden ist.” Glückwunsch! Wurde hier etwa schusselig gearbeitet?

111 Befragte kamen aus NRW, 90 aus Niedersachsen, die restlichen Bundesländer, Österreich und die Schweiz teilen sich jeweils 1 bis 18 Befragte. Ist das hier eine NRW/Niedersachsen-Umfrage? Oder soll sie repräsentativ sein?

Frage also: Verbinden Lehrer ihre eigenen Aussagen in dieser Umfrage tatsächlich mit der realen Welt? Wird Kevin wirklich benachteiligt, wenn Kevin vor dem Lehrer steht und einfach gute Leistungen bringt? Wird Kevin in NRW schlechter benotet als in Hamburg? Fixieren sich wirklich alle Lehrer so sehr auf die Namen? Ein Kommentar bei Zeit.de sagt dies am besten aus:

” Der letzte Ferientag der großen Ferien ist immer ganz spannend: Die einen Kollegen studieren ihren Klassenplan und sehen: “Oh Kevin, der wird schwierig, Chantal, das ist bestimmt wieder eine Zicke, oh Nele, das ist eine prima Schülerin usw. Der andere Kollege aus meinem Lehrerzimmer sagt: “30 Schüler, 14 Mädchen, 16 Jungs, prima!” Es ist jedes Jahr so! Seit 30 Jahren! Nur die Namen wechseln. Die Kollegen, so sie noch arbeiten, verhalten sich jedes Jahr genauso.”

4. Wie stark werden die “Vorurteile”, nach denen hier gesucht wird, denn von der Realität bestätigt? Ich hätte gern eine statistische Auswertung der Namensgebung der letzten 30 Jahre, ob

a) Eltern der sozial unteren Schicht bestimmte Namen und Eltern der sozial oberen Schicht bestimmte Namen vergeben haben und wie hoch die Überschneidung hier ist
b) Kinder, die Vorurteilsnamen haben, im Vergleich zu Nicht-Vorurteilsnamen im Kindesalter von den Eltern anders gefördert werden
c) Kinder mit Vorurteilsnamen, die aber aus sozial oberen Schichten kommen, tatsächlich benachteiligt wurden
d) Vorurteilsnamen evtl. daraus entstehen, dass es (statistisch vergleichbar) viele Kinder mit diesen Namen gibt, die tatsächlich leistungsschwächer sind
e) die Namensvergabe Bundeslandabhängig ist

5. Welche Fragen werden hier gestellt?

Die erste Frage verwirrt bereits. “98,6% der befragten Grundschullehrerinnen und –lehrer geben Vornamen an, die sie „Ihrem Kind auf keinen Fall geben“ würden.  Was hat die Benotung fremder Kinder damit zu tun, wie man selbst seine eigenen Sprösslinge nennen würde? 14,5 % der Befragten würden ihr Kind so nicht nennen, weil sie es mit negativen Eindrücken verbinden. 13,8 % verknüpfen diese Namen mit eigenen, negativen Erfahrungen. Jeweils 11,7 % verneinen, weil die Namen aus einer sozialen Unterschicht kämen oder zu häufig vergeben werden (aha?).

51 Befragte geben übrigens bei der Frage, ob sie Namen mit Verhaltensauffälligkeiten verknüpfen, gar nichts an. Warum wird das nicht erwähnt? Immerhin 10,2% der Lehrer sind also vorurteilsfrei. Ziemlich hart ist natürlich, dass noch 54,4% der Befragten, die Namen genannt haben, Kevin mit einer Verhaltensauffälligkeit verbinden, Justin wird noch von 21 % damit assoziiert, ab Platz 3 (Dennis) geht es dann allerdings um und unter die 10 % Marke.

Bei der Frage warum diese Namen negativ assoziiert werden, gibt es einen klaren Tenor. Erst mal kneifen 63 Befragte (na, haben wir Angst vor der Realität?). Die restlichen gliedern sich recht schnell ein: 68,1% assoziieren die Namen mit einer Verhaltensauffälligkeit, weil sie selbst negative Erfahrungen damit gemacht haben. Dies ist aber ein ganz natürlicher Prozess, weil wir immer Namen mit selbst erlebten Ereignissen vergleichen. Ich rolle z. B. bei Saskias oder Stefanies mit den Augen (warum, bleibt meine Privatsache, bis mir eine Umfrage über den Weg läuft). Interessant ist auch, dass in der Umfrage 24 Vornamen vorgegeben wurden, die bewertet werden sollten. Frage ist also, ob die Befragten diese Namen in Relation gesetzt haben. Wenn man nun 24 “Vorurteilsnamen” zur Abfrage gegeben hätte, wären alle 24 negativ bewertet worden? Und wer hätte bei 24 “Nicht-vorurteilsnamen” verloren?

Mein Fazit: So viel Trubel um diese Umfrage gemacht wird, irgendwann erkennt jeder, dass die Vornamen-Problematik nicht erst seit gestern besteht, jährlich wechselt und nicht das Kernproblem unseres Bildungssystems ist. Ich hatte einen Kevin in meiner Klasse, er war ein guter Schüler. Ebenso kenne ich Katharinas, die total versagt haben.

Solang mir niemand weißmachen kann, dass Kinder mit bestimmten Vornamen verloren haben, obwohl sie gute Leistungen bringen, solang nehme ich diese Umfrage nicht ernst. Denn: Nomen est Omen, aber auch Schall und Rauch!

Hier finden Sie die komplette Studie als pdf!


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