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Lebensmittel ins Töpfchen, Bilanzen ins Kröpfchen


Montag, 19. September 2011 von Sabine

Da haben wir den Rapssalat… Ich hatte mich ja relativ lange Zeit mit dem Biokraftstoff E10 auseinander gesetzt und dazu einige Fragen bzw Kritikpunkte aufgezeigt, die mir bisher noch nicht beantwortet werden konnten. Dazu zählten u.a. die tatsächliche CO2-Bilanz des Ethanol-verstärkten Sprits und die Auswirkungen von E10 auf die Lebensmittelpreise. Wie ich bei der Financial Times Deutschland nun lese, ist zumindest beim Bio-Diesel eine für die EU katastrophale Entwicklung zu erkennen.

Die EU hatte sich überlegt, an seiner Klimabilanz zu arbeiten. Die sollte bis 2020 um 20 Prozent gesenkt werden. Einen Hauptbestandteil der Senkung sollte der Bio-Diesel bewirken. Bio-Sprit, also auch Diesel, soll bis 35 Prozent weniger CO2-Belastung bringen als Normal-Sprit. Dumm nur, dass man eben die Auswirkungen des Anbaus total unterschätzt hat. Wenn man den Anbau von Raps oder Soja betrachtet, ist Bio-Diesel klimaschädlicher als normaler Sprit. Buff!

Wie FTD berichtet, stößt Bio-Diesel mit Raps versetzt 4,5 % mehr CO 2 aus, mit Soja sogar 11,7 %. Das sind mal eben 39,5 bis 46,7 % am Ziel vorbeigeschossen, wenn man die 35 % gewollte Einsparung dazurechnet… Dass Palmöl, das ebenfalls in den Bio-Diesel beigemixt wird, klimabilanz-mäßig eh ein Killer ist, ist ja schon länger bekannt. Palmöl ist zwar energiereicher und außerdem, aufgrund seiner Zusammensetzung, extrem Dieselmotor-freundlich, ist allerdings gerade in Malaysia und Indonesien, den Hauptanbaugebieten, eine große Konkurrenz zum Regenwald geworden. Das schadet nicht nur Mutter Erde, sondern auch der Klimabilanz… Außerdem wird der weitaus größte Teil von Palmöl für Lebensmittel, besonders in Asien, benötigt. Woher also das Palmöl fürs Autofahren nehmen, wenn nicht auch dort wieder eine Konkurrenz zu Nahrungsmitteln oder dem Regenwald, also Rodungsflächen, entsteht?

Da die EU-Kommission ja nun um den Umstand wußte, dass der Bio-Anteil des Sprits ja irgendwo in der Bilanz Veränderungen mit sich bringen wird, wollte man den sog. ILUC- Faktor (Indirect Land-Use Change) ab 2010 in die Klimabilanz des Bio-Diesels miteinbeziehen. Da diese Bilanzen aber nun blöd aussehen, lässt man das erstmal bleiben. Bis 2014. Oder so… 4 Jahre also. 4 Jahre für die arme Industrie, sich was einfallen zu lassen. Bis dahin werden erstmal die Vorgaben von 35 Prozent Einsparung auf 45 oder 50 Prozent erhöht, sodass man mit einer gefälschten abgeänderten Statistik einigermaßen über die Runden kommt. Soviel zum Bio-Diesel.

Ich hatte ja bereits im März einen Artikel des Spiegels aufgegriffen, indem die Klimabilanz von E10, also Bio-Sprit, ziemlich mies aussah. Nun kann ich Parallelen zum Bio-Diesel erkennen. Beides wurde als Klima-Wunderwaffe verkauft und entpuppt sich nach und nach als das Gegenteil. Wo der Bio-Diesel auf Raps, Soja und Palmöl zugreift, will E10 mit Raps, Zuckerrüben und Mais versorgt werden. Alles Lebensmittel. Alles im Grunde jetzt schon zu knapp (wenn man die weltweite Verteilung und die Überfüllung unserer Supermärkte mal außer Acht lässt). Und ohne neue Anbauflächen, egal ob nun Regenwald, Torflandschaften oder gewöhnliche Äcker, wird der Konkurrenzkampf zwischen Autofahren und was zu Essen haben angeheizt.

Ob und in welcher Form endlich auch die Entwicklungen an Lebensmittelmärkten mit dem Bio-Sprit-Bedürfnis der EU verglichen werden, muss ich wohl wieder abwarten.

Die Regierung ist mir aber nicht nur immer noch diese Bilanzen schuldig geblieben – nein, jetzt wird der Verbraucher mal wieder zur Kasse gebeten. Nach dem katastrophalen Einzug von E10 an deutschen Tankstellen, wo selbst Tankwarte keine Ahnung von Verträglichkeiten der Motoren hatten und das alte E5 einfach teurer gemacht wurde, ist bislang nicht viel passiert. Gut, der schnellst einberufene Benzingipfel hat die Autohersteller gezwungen, eine verbindliche Liste zu präsentieren, welche Fahrzeuge E10 vertragen (sollten). Dass E10 als unverträglich gekennzeichnete Modelle schädigt, wissen wir nun, inwieweit Schäden durch E10 aber eindeutig nachweisbar sind und nachgewiesen werden, wurde mir aber auch nocht nicht beantwortet. Immerhin kann man eine undichte Benzinpumpe als Industrie und Lobby auch gerne mal als „ist halt so“ abstempeln.

Nun sind Tankstellen für einige Monate dazu übergegangen, E10 genauso teuer wie E5 anzubieten. Ja, ich glaube nicht, dass E5 wieder günstiger gemacht wurde, nein, E10 wurde teurer. Erklärt wurde der ganze Preis-Hick-Hack ja mit gesetzlichen Bestimmungen, wie hoch der Bio-Sprit-Absatz sein muss und dass die arme, gebeutelte Industrie horrende Strafzahlungen von bis zu 400 Millionen Euro hinnehmen müsse, weil der böse, blöde, uninformierte, bockige Verbraucher den Wunderkraftstoff nicht tanken will. Nun, wer mich kennt, wundert sich nicht, dass ich das hier anspreche, denn: Diese Zahlen stimmen nicht. Im Tagesspiegel musste der Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV e.V.) , Klaus Picard,  zugeben, dass aufgrund von Verrechnungen (hehe… diese Zahlen…) keine hohen Abgaben für 2011 zu erwarten sind.

Norbert Röttgen, seines Zeichens Umweltminister der Noch-Koalition, sagte dazu nur: „Damit hat sich bestätigt, dass es keinerlei Berechtigung für Aufschläge an den Tankstellen gibt und gegeben hat.“ Gut gut… Berechtigung – Fehlanzeige, Aufschlag gibts trotzdem. Die Industrie erspart sich ihre Strafzahlungen für mögliche Folgejahre nämlich schonmal am Verbraucher. Außerdem meint die Industrie, dass der Verbraucher trotzdem 2 bis 3 Cent je Liter mehr bezahlen soll… Weil man das auch gern mit den Abgaben für E85 und Bio-Diesel (!) verrechnet, was größtenteils in der Industrie genutzt wird.

Bleibt dem Verbraucher also nur mehr Fahrrad fahren? Es sieht so aus… Die Politik hat nicht den Mumm, hier noch einzugreifen. Ich tanke immernoch kein E10 und warte weiterhin auf Langzeitstudien. Aber da war ja das mit der Lobby…


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Diesen Eintrag habe ich am Montag, 19. September 2011 um 08:35 Uhr veröffentlicht und unter der/den Kategorie(n) Allgemein abgelegt. Schreibe mir einen Kommentar oder verfolge die bisherigen Kommentare durch den RSS-Feed. Du kannst mir auch einen Trackback von deinem Blog senden.

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